»Zuerst!« ist Forum für etablierte und extreme Rechte
30.03.10
Holocaust-Leugner & Konservative
In kürzester Zeit ist dem extrem rechten Monatsmagazin »Zuerst!« ein
Brückenschlag ins konservative Milieu gelungen. Einträchtig
nebeneinander finden sich hier NS-Kitsch, Holocaust-Leugner,
rassistische Hetze, Deutschtümelei und Interviews mit konservativen
Politikern. Zwar wird das Blatt nicht neben den seriösen
Nachrichtenmagazinen im Verkaufsregal platziert, wie der neonazistische
Verleger Dietmar Munier hoffte. Aber das Heft liegt bundesweit in
Bahnhofsbuchhandlungen, Tankstellen und am Kiosk zum Verkauf aus. Ende
Februar erschien nun die dritte Ausgabe.
Im aktuellen Heft setzt Chefredakteur Günther Deschner den Schwerpunkt
auf das aktuelle Reizthema »Linksextremismus«. »Linke Gewalt. Angriff
auf den Rechtsstaat«, so ›plärrt‹ es in dicken Buchstaben vom Titel. 15
Seiten mit großen Fotostrecken füllt das Thema im Heft. Die Politik
»scheint weder willens noch in der Lage zu sein, die Innere Sicherheit zu garantieren«, schürt »Zuerst!« ganz gezielt Ängste. Statt
nur aus zweiter Hand zu berichten, gehen die Autoren auf
Anti-Antifa-Recherche.
So schlichen sie sich in eine Veranstaltung der Tageszeitung »Junge
Welt« zur »Extremismustheorie« ein und waren am 13. Februar mit der
Kamera in Dresden in den Antifa-Blockaden unterwegs. Dort sei es zu
massivem »Rechtsbruch« gekommen, als tausende Antifas,
GewerkschafterInnen und Linke den Aufmarsch von Neonazis blockierten.
Ein »Bündnis aus Politik, Polizei und Linksextremisten« sei dafür verantwortlich, beklagt »Zuerst!«-Autor Roger Szrenec. Der Naziaufmarsch wird von Chefredakteur Deschner als traditionsreicher »friedlicher Trauermarsch« beschrieben – eine deutliche Positionierung zugunsten der Neonazis.
Gemeinsamer Kampf gegen Links
Der Kampf gegen Links ist mal wieder das einende Moment zwischen
Neonazis, extremer Rechter und Teilen des Konservatismus. Im Interview
mit »Zuerst!« erklärt Hans Merkel, CSU Politiker und ehemaliger
Büroleiter des Bundestagspräsidenten, die Bedrohung von Links: »Wir
haben ein ernsthaftes Problem.« Er glaubt: »Das Gesellschaftsbild der
extremen Linken hat sich in den letzten Jahrzehnten (…) durchgesetzt.«
Hans Merkel ist auch Erstunterzeichner der Kampagne »Linkstrend
stoppen!« vom rechten Flügel der Unionsparteien.
Wenige Seiten weiter im Heft zeigt sich der Charakter des Blattes aus
der »Verlagsgruppe Lesen & Schenken« noch deutlicher. In
mitleidsvollem Ton heißt es dort über den Holocaust- Leugner Ernst
Zündel, er habe »sieben dunkle Jahre in Haft überstehen« müssen.
»Zuerst!« übernimmt kritiklos die Eigencharakterisierung der Holocaust-
Leugner, die sich selbst als »Revisionisten« bezeichnen. Zündel habe
doch nur die »Wahrheit« herausfinden wollen, heißt es. »Unter
fragwürdigen Bedingungen« sei er inhaftiert worden. Sei es wirklich
richtig, Zündel zu inhaftieren?, stellt »Zuerst!«-Autor Peer Krusen die
rhetorische Frage. Noch deutlicher als in diesem Text kann man kaum die
Holocaust – Leugner verteidigen, will man nicht selbst Gegenstand eines
Strafverfahrens werden.
Ansonsten präsentiert das neue Heft einen Querschnitt durch die Themen der extreme Rechten: Der ehemalige Europaabgeordnete der Partei »Die Republikaner« Harald Neubauer klagt über das Fehlen eines rechten Flügels in der CDU/CSU, der »Vertriebenen«-Aktivist Rudi Pawelka bewirbt die »Landsmannschaft Schlesien«, Manuel Oschsenreiter porträtiert den alternden »Nationalpazifisten« Alfred Mechtersheimer und gleich mehrere Artikel warnen mit rassistischen Tönen vor Einwanderung.
Steigende Abozahlen
Über den Verkaufserfolg von »Zuerst!« kann nur spekuliert werden,
konkrete Verkaufszahlen sind bisher nicht öffentlich. Doch Verleger
Munier schwärmte im Gespräch mit dem Internetprojekt »Gesamtrechts« von
steigenden Abozahlen und gab sich Ende Januar optimistisch: »Wenn die
Zahlen der letzten 6 Wochen anhalten, können wir ZUERST! dauerhaft
durchsetzen«. Munier setzt auf Expansion. Interessierte könnten sich
stapelweise Hefte zum Verteilen zusenden lassen, wirbt er. Dennoch
dürfte das Projekt gefährdet sein. Denn der bundesweite Vertrieb über
Kioske, Supermärkte und Tankstellen ist kostenintensiv.
Außerdem hat »Zuerst!« erst jüngst Konkurrenz bekommen. Seit Januar ist
auch die rechtskonservative »Preußische Allgemeine Zeitung« am Kiosk zu
haben. Ob da neben der »Deutschen Stimme«, der »Nationalzeitung« und
der »Jungen Freiheit« noch Platz für »Zuerst!« bleibt, ist fraglich.
Zudem ist die politische Ausrichtung des Blattes zu exponiert, um derzeit den Kreis der Werbekunden und LeserInnen zu erweitern. Und auch die Berichterstattung in den Medien war für »Zuerst!« nicht förderlich. Entweder wurde die Gründung gar nicht erst erwähnt oder aber ihre extrem rechte Ausrichtung exakt beschrieben. Lob gab es freilich ausgerechnet von Matthias Brodkorb, einem SPD-Landtagsabgeordneten aus Mecklenburg-Vorpommern und Betreiber des Internetprojektes »Endstation Rechts«. Er attestierte den Autoren von »Zuerst!« »publizistische Gediegenheit« und einen »in Sachen Rechtsextremismus unangreifbaren Eindruck«. Zudem sei das Lektorat »tadellos«, »die Bildreaktion solide und die Schreibe durchaus gefällig«. Widerstand gegen die Zeitschrift kommt unterdessen vom »Hamburger Bündnis gegen Rechts«. In einem offenen Brief wird der »Heinrich-Bauer-Verlag« aufgefordert, den Vertrieb von »Zuerst!« durch seine Tochterfirma »Verlagsunion« einzustellen.
Von Ernst Kovahl





