Redebeitrag über Neonazi-Strukturen in Schleswig-Holstein auf der antifaschistischen Meierei Demo am 13.3.10 in Kiel
Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen.
Wenn wir heute anlässlich der enrneuten, schwerwiegenden Nazi-Übergriffe auf linke Projekte in Kiel auf der Straße sind, lohnt es sich auch einmal mehr, einen Blick auf die Entwicklungen der Neonaziszene in Schleswig-Holstein zu werfen, denn aktiver Antifaschismus ist nur möglich, wenn wir ihre Strukturen und Akteure kennen - um Aufzuklären und zu Handeln.
Die heutigen
Nazistrukturen sind ein Ausdruck eines allgemeinen Wandels innerhalb
der schleswig-holsteinischen Naziszene. Die Strukturen des aus Ende
der 1990ern hervorgegangenen Spektrums der „freien
Kameradschaften“, welche Anfang des Jahrtausends die Führung in
der schleswig-holsteinischen NPD übernehmen konnten, waren mit dem
Versuch „Combat18“-Gruppen aufzubauen selbst für die deutschen
Repressionsorgane zu weit gegangen. Wichtige Nazi-Aktivisten diese
Spektrums - wie z.B. Peter Borchert – sahen sich mit
Gefängnisaufenthalten konfrontiert, waren in in dessen Folge unter
einander zerstritten und außerdem zumindest in der NPD politisch
entmachtet worden.
Um 2005 war die schleswig-holsteinische
Neonazisszene dominiert und geführt von einem sich eher
spießbürgerlich gebenden NPD-Landesverband, der die Reste der offen
gewalttätigen Kameradschaftsszene in sich integrieren und
weitestgehend ruhig halten konnte. Darüber hinaus war nicht viel
los. Öffentliche Auftritte von Nazis waren, das können wir
zumindest für Kiel sagen, dementsprechend geprägt vom isolierten,
regungslosen „Hinter-Bullenketten-Stehen“, umzingelt von wütenden
AntifaschistInnen. In Anbetracht dessen wurden Versuche von
Aufmärsche, Kundgebungen und Demos ob der wenig motivierenden
Situation immer seltener. Mit Ausnahme des Wahlkampfauftaktes in
Steinburg 2005 fand Nazigewalt selten am Rande von offiziellen
Nazi-Veranstaltungen statt, sondern hauptsächlich in Verbindung mit
Alkohol und abseits politischer Aktionen.
Vor etwa 2 Jahren
änderte sich diese Tendenz in Schleswig-Holstein wieder: Die
bundesweite Nazi-Trenderscheinung „Autonome Nationalisten“
erreichte auch den Norden und verbreitete sich in Kiel - wo dieser
Prozess durch die Haftentlassung Peter Borcherts erheblich
beschleunigt wurde - und nahezu im gesamten Bundesland.
Selbsternannte „Aktionsgruppen“ sprossen wie Pilze aus dem Boden,
mal als Internet-Phantom, oft aber auch begleitet von einem hohen,
extrem gewaltfixierten Aktionismus. Bisherige Höhepunkte dessen
waren z.B. die Angriffsserien auf linke bzw. alternative Läden in
Kiel in den vergangenen 2 Jahren, der Brandanschlag auf das
alternative Kulturzentrum T-Stube in Rendsburg letzten Sommer oder
auch die verschieden Angriffen auf Antifas in Neumünster. Eine
vollständige Aufzählung der Naziaktionen der letzten Jahre in
Schleswig-Holstein würde hier den Rahmen sprengen.
Schwerpunkte
dieser modernisierten Kameradschaftstrukturen mit Namen „Autonome
Nationalisten“ haben sich seitdem vor allem in Kiel, im Kreis
Steinburg, in Dithmarschen, aber auch in Neumünster oder in
Rendsburg herausgebildet. Und diese sind untereinander vernetzt: Man
fährt gemeinsam zu Nazidemonstrationen auch in andere Bundesländer,
unterstützt sich gegenseitig bei eigenen Aktionen und betreibt ein
gemeinsames Internetportal. Es sind z.B. auch mehrere Busse voller
Nazis aus Schleswig-Holstein am 13. Februar 2010 zum
erfreulicherweise verhinderten verhinderten Aufmarsch nach Dresden
gefahren.
Auch im einzigen
offen bestehenden Nazitreffpunkt in Schleswig-Holstein, dem Club 88
in Neumünster, hat die Wiederbelebung so genannter „freier“
Nazistrukturen Spuren hinterlassen: Aus dem erklärten Interesse
dieser neuen Nazigeneration heraus, die Existenz eines ihrer
bundesweit wenigen, ausdrücklich nationalsozialistischen Treffpunkte
zu sichern und zu nutzen, scheint der Club 88 in den letzten 2 Jahren
eine kleine Renaissance erlebt zu haben. Nicht nur dadurch, dass
erstmalig wieder größere Veranstaltungen abseits der
obligatorischen Geburtstagsfeiern stattfanden, sondern auch dass der
Club88 wieder öfter als offene Infrastruktur für politische
Tätigkeiten genutzt wurde.
In der Gesamtsituation gibt es
allerdings im Unterschied zu früheren Jahren trotz der Erneuerung
des offen neonazistischen und gewaltfixierten Spektrums keinen
wahrnehmbaren Flügelkampf in der rechten Szene Schleswig-Holsteins.
Im Gegenteil: Immer wieder wurde deutlich, dass „Aktionsgruppen“
und NPD, deren Mitglieder sich ohnehin überschneiden, eng
miteinander kooperieren: Der insgesamt vergleichsweise spärliche
Land- und Bundestagswahlkampf der NPD 2008 wäre ohne die Mithilfe
der erlebnisorientierten Aktionsgruppen wohl noch dürftiger
ausgefallen. Aktionsgruppen und NPDlerInnen hängten zusammen Plakate
auf, verklebten Aufkleber und NPD-Vorzeigespießer Ingo Stawitz
tuckerte einträchtig mit einer der Führungspersonen der
„Aktionsgruppe Kiel“, Daniel Zöllner, in einem alten Wohnmobil
durch Teile Schleswig-Holsteins und beschallte die Umwelt mit
schlechten Reden.
Aber auch die „Aktionsgruppen“ durften
wie schon bei den letztjährigen Kommunalwahlen wieder ihre eigene
aktionistische Note mit in den Wahlkampf einbringen: In Kiel, vor
allem im Stadtteil Wik, versuchten bewaffnete Neonazis die
NPD-Nazipropaganda vor PlakatpflückerInnen zu beschützen, und im
letzten September kam es zu einem brutalen Angriff auf eine Gruppe
alternativer Jugendlicher in zeitlicher und räumlicher Nähe zu
einer Anti-NPD-Wahlkampfparty in der Alten Meierei.
Dass es nun schon
wieder zu zwei Angriffen auf linke Projekte in Kiel kam, nämlich auf
den Buchladen Zapata und die Alte Meierei, von denen einer auch mit
Schusswaffen durchgeführt wurde, ist Ausdruck einer qualitativen
Verschärfung dieser allgemeinen Tendenz innerhalb der Naziszene.
Diesen und allen anderen Betroffenen von Nazigewalt sprechen wir an
dieser Stelle unsere ausdrückliche Solidarität aus!
Der
derzeitige Zustand der schleswig-holsteinischen Nazisszene lässt
sich also zusammenfassend als politisch nach wie vor an der NPD
orientiert beschreiben, wobei die Partei auf die Unterstützung der
oft jungen und motivierten „Aktionsgruppen“ angewiesen ist, sich
aber auch auf diese verlassen kann. Im Gegenzug scheinen die
zeitweisen Gewaltexzesse der Aktionsgruppen vom gemäßigteren
Parteiflügel der NPD akzeptiert zu werden.
Eine kleine
Erneuerung hat es mittlerweile auch wieder bei einer anderen rechten
Partei gegeben: Die DVU, welche lange Zeit in Schleswig-Holstein und
fast im ganzen Bundesgebiet nur auf dem Papier existierte, versucht
seit kurzem mit neuen Leuten wie dem Ex-NPDler Kevin Stein in
Nordfriesland und dem bundesweit bekannten Neonazi-Kader Christian
Worch wieder aus der Versenkung hervorzutreten. Sie kündigt
öffentliche Auftritte und Propagandaaktionen an. Erstes
wahrnehmbares Zeichen hinter diesen Ankündigungen war eine
Kundgebung in Husum vor einer Woche, der nun noch mehr folgen sollen.
So will die DVU am 17. April in Plön eine Kundgebung abhalten, zu
der wir natürlich eine entsprechende Antwort finden werden.
Wie
auch immer: Die insgesamt erstarkte offen neonazistische Szene in
Schleswig-Holstein, die das Fundament der gewalttätigen Aktionen
gegen linke und alternative Einrichtungen und Menschen ist, macht
eine offensive alltägliche antifaschistische Praxis und das Anliegen
der heutigen Demonstration umso erforderlicher. Beim Kampf gegen die
Nazis verlassen wir uns jedoch weder auf unregelmäßige Versuche
die Nazi-Organisationen zu verbieten, noch stellen wir irgendwelche
Forderungen an die Polizei oder andere staatliche Organe, weil wir
wissen, dass in der Logik des Staates auch wir als linke
AntifaschistInnen durch den Verfassungsschutz und seine
Extremismustheorie zu Feinden erklärt werden.
Wir vertrauen auf das solidarische Zusammenstehen aller emanzipatorischen Menschen gegen die Nazis und wir nehmen die Sache selber in Hand:
Nazi-Aktionsgruppen,
NPD, DVU und alle anderen rassistischen, nationalistischen und
antisemitischen Banden zerschlagen!
Übernehmt Verantwortung:
Organisiert die autonome Antifa!





