Noone Forgotten - Nothing Forgiven
Gedenken an alle
Opfer des Faschismus
Als in den Tagen zwischen dem 7. und 13. November 1938 in Deutschland 400 jüdische
Menschen ermordet oder in den Tod getrieben, 30.000 Juden in
Konzentrationslager gesperrt und fast alle Synagogen in Deutschland und
Österreich niedergebrannt wurden, war dies nur die Probe aufs Exempel für die
systematische und massenhafte Ermordung europäischer Juden und Jüdinnen durch
Deutsche. In den Novemberpogromen zeigte sich, dass die Deutschen nicht nur
stillschweigend der physischen Auslöschung jüdischen Lebens zusahen, sondern
selbst bereit waren ihren antisemitischen Vernichtungswillen freien Lauf zu
lassen, der in der systematischen Ermordung von 6 Millionen europäischer Juden
und Jüdinnen gipfelte.
Heute sehen wir in
Europa eine erneute Tendenz zu Nationalismus und
Rechtsradikalismus. In Ländern wie Russland rufen Nationalist_innen zum
„Rassenkrieg“ auf und bedrohen Tag für Tag das Leben von Migrant_innen, Juden
und Jüdinnen und politischen Gegner_innen. Die Zahl der Morde mit rassistischen
bzw. antisemitischen Hintergrund stieg von mindestens 47 im Jahr 2005 auf
mindestens 72 im letzten Jahr. 2008 fielen bereits 33 Menschen der
faschistischen Gewalt in Russland zum Opfer. Die meisten Straftaten mit
rechtsextremem Hintergrund werden in Russland jedoch kaum als solche
dargestellt, sie werden von den Polizeibehörden vertuscht oder entpolitisiert
bzw. unter „Rowdytum“ abgetan.
In Polen hingegen
findet der Rechtsextremismus durch den Traditionalismus und die Verankerung des
Katholizismus in der Bevölkerung seinen Nährboden. So kann die „Liga
der polnischen Familien“(LPR) zusammen mit ihrer Jugendorganisation
„Allpolnische Jugend“ (Mlodziez Wszechpolska) und dem katholischen Thorner
Radiosender „Radio Maryja“(Radio Maria) jährlich zur Störung der Warschauer
„Gay-Pride-Parade“ aufrufen. Die gesellschaftliche Mehrheit ist auch in Polen
nicht gewillt sich gegen Rechtsextremismus zu stellen und so ist es der
polnischen Nazi-Szene möglich sich ungehindert zu entfalten, wobei sie ihren
Rekrutierungsschwerpunkt auf die Stadien der polnischen Fußballclubs setzt. So
besteht der harte Kern der militanten Rechten in Polen aus Hooligans. Ihr sind
seit 1989 mindestens 30 Menschen zum Opfer gefallen.
Diese Tendenzen
zeichnen sich auch in Deutschland ab, wo eine immer stärkere und
selbstbewusstere Nazi-Szene agiert, die mit Themen wie „Todesstrafe für Kinderschänder“
wie jüngst in Dresden oder der Beteiligung an Bürgerinitiativen gegen
Moscheebauten immer wieder ihre Verschränkung mit der bürgerliche Mitte
demonstriert. Dabei steigerte sich in den letzten Jahren die Gewalt der
neonazistischen
Bewegung. Es kommt statistisch zweimal am Tag zu rechten Übergriffen und seit
dem Jahr 1990 sind mindestens 133 Menschen von Neofaschist_innen ermordet
worden.
Betrachten wir das Phantasma des Antisemitismus, muss man/frau die Situation in Frankreich berücksichtigen. Hier sind es muslimische Jugendliche die „Jagd“ auf Juden und Jüdinnen machen, Synagogen und jüdische Schulen anzünden. Sie reproduzieren den latenten Hass einer islamischen Wertgemeinde auf Israel in den Radius ihres eigenen Lebens.
Dass verschiedene gesellschaftliche Rahmenbedingungen Faschismus produzieren
können, ist eine historische Tatsache (Italien, Spanien, Portugal,
Lateinamerika etc.) und gleichzeitig besteht kein Zweifel an der Singularität
des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen. In Deutschland hat durch die
Transformation der grundlegenden Elemente deutscher Identität in die
postfaschistische Gesellschaft das Täter_innenkollektiv fortbestanden und
besteht bis heute fort. Der Zusammenbruch des Ostblocks und somit die
Überwindung eines Zwangsinternationalismus der Sowjetideologie macht eine
Neubestimmung der osteuropäischen Identitäten durch nationale Kollektive, die
mal mehr, mal weniger völkisch bestimmt sind, möglich. In Deutschland wurde
durch die so genannte „Wiedervereinigung“ die Voraussetzung einer erneuten
Ausformulierung der alten nationalen Identität geschaffen. Dass sich im
Fahrwasser der neuen europäischen Nationalismen alsbald Faschismus finden
würde, war so abzusehen, gibt es doch nur einen graduellen, keinen
grundsätzlichen Unterschied zwischen Nationalist_innen und ausgewiesenen
Faschist_innen.
Auch wenn die
Aufhebung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit in der Volksgemeinschaft und
die Verlängerung des pseudo-antikapitalistischen Ressentiments zum Massenmord
an den Juden und Jüdinnen jeder kapitalistischen Gesellschaft innewohnt, in
Deutschland ist sie Realität geworden. Die deutsche Nation konstituierte sich
von jeher autoritär gegen Aufklärung und Liberalismus. Im deutschen
Antisemitismus, also der Konstruktion der Juden und Jüdinnen als zu
vernichtende „Gegenrasse“, fand das deutsche Kollektiv eine völkisch-rassische
Legitimation und den
Kitt für die Volksgemeinschaft. Doch ist es auch Fakt, dass das, was „deutsch“
ist am deutschen Sonderweg, sich auch exportieren lässt. Deutschland gerät so
zum allgemeinen Äquivalent der völkischen Nation. Also muss die Verwirklichung
der praktischen Emanzipation von Ausbeutung und Herrschaft auf die endgültige
Demontage Deutschlands abzielen. Ob sich der deutsche Sonderweg zum Mainstream
entwickelt, wird sich zeigen. Es existiert eine fortbestehende Bedrohung durch
verschiedene Faschismen und eine Öffentlichkeit, die erneut desinteressiert bis
wohlwollend zusieht. Diese Entwicklung forderte und fordert weiter täglich
Opfer, deshalb gedenken wir aller Opfer des Faschismus. Uns ist nicht an
Held_innenverehrung gelegen. Stattdessen verlangen wir eine politische
Erinnerungskultur, die – im Bewusstsein deutscher Identitäten und deutscher
Verbrechen – das Aufbrechen des deutschen Täter_innenkollektivs zum Ziel hat.
“…dass Auschwitz nicht sich wiederhole!“
Antifaschistische
Kundgebung im Gedenken an alle Opfer des Faschismus.
11. November, 16:30, Asmus-Bremer-Platz





