…DEUTSCHLAND GIBT ES IMMER NOCH!

Redebeitrag der Gruppe “marlene hates germany” zum 70. Jahrestag der deutschen Novemberpogrome

 

Am 9. November 2008 jährt sich zum 70. Mal jene Nacht, die in der deutschen Mehrheitsgesellschaft noch immer unter der verharmlosenden Bezeichnung “Reichskristallnacht” geführt wird.

 

In den Novemberpogromen des Jahres 1938 wurden mindestens 1300 jüdische Menschen ermordet bzw. in den Selbstmord getrieben, mindestens 1400 Synagogen und unzählige von Jüdinnen und Juden betriebene Geschäfte wurden stark beschädigt oder ganz zerstört. Am 10. November wurden 30.000 Juden in Konzentrationslager deportiert.

Diese Pogrome stellten den Lackmustest der NS-Führung dar, anhand dessen die Bereitschaft der Deutschen, die physische Ausrottung der Jüdinnen und Juden Europas durchzuführen abgeprüft werden sollte. Das Ergebnis war eindeutig.

Der Krieg gegen die europäischen Jüdinnen und Juden, der mit unverminderter Energie auch dann noch weitergeführt wurde, als die Deutschen bereits auf allen Schlachtfeldern besiegt waren, wurde schlussendlich gewonnen. Das jüdische Leben in Europa ist bis zum heutigen Tag praktisch vernichtet. Ein Erfolg, den die Deutschen -aller ach so bitteren Opfererfahrungen zum Trotz- nicht vergessen haben. In der Vernichtung der zur Gegenrasse konstruierten Jüdinnen und Juden versicherte sich die rassisch-deutsche Volksgemeinschaft ihrer Identität.

Mit der Restauration deutscher Staatlichkeit 1948/9 und noch stärker 1989 stellte sich erneut die Identitätsfrage - natürlich in absolut reflektierter, geläuterter Art und Weise. Die Shoah kann vor diesem Hintergrund als Prisma deutscher Identität verstanden werden. Sie war der vorläufige Höhepunkt der Konstruktion des organischen deutschen Volkes. Die grundsätzlichen Elemente deutscher Identität existieren fort.

 

Wenn wir hier von deutscher Identität reden, nehmen wir bereits einen Aspekt des oft genannten “deutschen Sonderwegs” vorweg. Es ist klar, dass der “deutsche Sonderweg” mythische Anklänge hat. Nichtsdestotrotz hat die Frage, warum es im deutschen Nationalsozialismus, nicht aber in anderen Faschismen zu den singulären Verbrechen der Shoah kam volle Berechtigung, wenn es gilt, “Nie wieder Auschwitz” sicherzustellen.

Die Betrachtung der Produktion und Reproduktion deutscher Identität, ihre Kontinuität über angebliche historische Brüche hinweg und schlussendlich ihre Transformation durch das Prisma der Shoah ist für ein Verständnis des deutschen Projekts unbedingt nötig.

 

Wir sind uns darüber im klaren, dass jedes Individuum diverse (auch sich widersprechende) Identitäten in sich vereint. Dies steht der Frage nach kollektiver Identität und ihrer Wirkung aber nicht entgegen.

Zentral für die Konstruktion von Identität ist die Vorstellung eines Innen, das allerdings nur in Abgrenzung gegen ein Außen. Kollektive Identität ist also per se ausgrenzend und abzulehnen. Praktisch gilt es Identitäten anhand ihrer Durchlässigkeit zu bewerten, also anhand der Möglichkeit von Außen nach Innen zu gelangen.

 

Die Konstruktion deutscher Identität war geprägt von dem Versuch, sich vor dem Hintergrund einer verspäteten Nationalstaatsgründung als essentialistische Nation zu erfinden, die überzeitlich existierte und lediglich einer Ausformulierung bedurfte. Daher galt es ein organisches deutsches Volk zu konstruieren, auf dem die Nation wachsen konnte. Dies geschah zum einen durch die Konstruktion des “inneren Feindes”, der Jüdinnen und Juden zur Gegenrasse. Zum anderen gegen den “äußeren Feind”, den bürgerlich-liberalen Staat Frankreich, der nicht umsonst den Ehrentitel “Erbfeind” erhielt.

Die deutsche Identität konstituierte sich somit von Anbeginn völkisch-rassisch und autoritär. Antisemitismus und der Hass auf bürgerliche Staaten und die ihnen zugehörigen bürgerlichen Freiheiten dienten als Mechanismen.

 

In den später als sogenannte Befreiungskriege rezpierten Kriegen gegen Napoleon Bonarparte entstand unter Einfluss bekannter völkischer Vordenker und Antisemiten wie Ernst Moritz Arndt, Johann Gottlieb Fichte und “Turnvadder Jahn” ein neues deutsches Nationalgefühl, dass auf einem essentialistischen -organisch-völkischen- Nationenbegriff fußte. Seine Stoßrichtung zeigte sich bereits auf dem Wartburgfest der jungen Bewegung 1817 im Verbrennen von Büchern jüdischer AutorInnen sowie des französischen Code Civile - des ersten bürgerlichen Gesetzbuchs, eines Symbols der Aufklärung. Trotz aller Rückschläge durch die Restauration feudaler Strukturen war die grundsätzliche Ausrichtung der deutschen Nationalstaatsbewegung gegeben. Auch das als “Wiege der deutschen Demokratie” gefeierte “Hambacher Fest” 1830 war in seiner Ausrichtung autoritär-völkisch. Es verwundert nicht, dass die anachronistische sog. Revolution sich nicht -wie in den bürgerlichen Revolutionen in Frankreich und den USA- auf die Schaffung eines bürgerlichen Staates richtete, sondern vielmehr auf die Errichtung eines autoritären-völkischen Staats. Mit der Nichtverfügbarkeit eines Potentaten brach die Revolution zusammen - womit wohl alles gesagt wäre.

Der Misserfolg der autoritären Revolution führte zu einer Vertiefung deutscher Identitätskomplexe, deren gewalttätiges Ausleben nach Außen in den sog. Einigungskriegen gegen Dänemark, Österreich und den bürgerlichen Staat in Europa, Frankreich, schlussendlich zur Schaffung eines deutschen Staates führte. Die Form war nicht überraschend, aber doch interessant: Der deutsche Staat wurde durch die Krönung eines gesamtdeutschen Kaisers geschaffen. Symbolisch steht der Krönungsakt im Spiegelsaal von Versailles. In Anbetung der absoluten Monarchie, also der Antimoderne, entstand der deutsche Nationalstaat.

 

Die Identität des organischen Volkes ohne Staat (auch wenn es nun Volk mit Staat war) wirkte in der strengen Klassengesellschaft des Kaiserreichs als Kitt, der Bourgeoisie und Proletariat stärker noch als die sozialreformerische Camouflage Bismarcks miteinander verband. Es existieren diverse Darstellungen dieses Komplexes - die schönste sicherlich in Heinrich Manns Untertan.

Die deutsche Identität war stark genug, als dass auch die -zumindest teilweise sozialdemokratisch geprägte- ArbeiterInnenklasse begeistert in schwarz-weiß-rot für das deutsche Vaterland in den 1. Weltkrieg zog - und dort ein enormes Durchhaltevermögen zeigte.

Das Ende des Kaiserreichs gilt es auch in diesem Kontext zu sehen. Die Revolution des Jahres 1918 war von diversen, politisch widersprüchlichen Kräften getragen, die sich -aufgrund eines zu hohen Leidensdrucks- unter dem Slogan “Frieden und Brot” temporär vereinten. Die Masse dieser sog. “Revolutionäre” verfolgte weniger sozialrevolutionäre denn vielmehr sozialreformerische Ziele. Eine Infragestellung des deutschen Projekts oder ein Aufbrechen deutscher Identität unterblieb. Es kam daher nicht zu einem Abbruch deutscher Identität, sondern zur Mutation des autoritären in den sozialreformerischen Volksstaat. Ein positiver Bezug auf jene wenigen, die eine antinationale Revolution wollten ist möglich - ein Abfeiern einer grandiosen Revolution ist uns nicht möglich. Schließlich war es auch die Masse der sog. “RevolutionärInnen”, die nur wenige Jahre später in der “klassenlosen Volksgemeinschaft” aufging und nicht einmal in der Shoah einen Anlass sah, ihren revolutionären Anspruch in die Praxis umzusetzen. Eine tiefere Analyse dieses Aspektes hat einem jeden positiven Bezug, erst recht einem Abfeiern des “revolutionären 1918” vorauszugehen.

 

Die Weimarer Republik war -wie vielfach dargestellt- geprägt von den Kontinuitäten der Geisteshaltungen des Kaiserreichs. Hiervon zeugt z.B. die Wahl Paul von Hindenburgs -der ein Symbol des Kaiserreichs war- zum Reichspräsidenten. Auch die Diskreditierung des Versailler Vertrags, dessen Berechtigung wohl nicht zur Debatte steht, diente den Deutschen zur Reproduktion des nationalen (Opfer)Kollektivs über politische Grenzen hinweg. Die grundsätzlichen Momente deutscher Identität fanden sich folgerichtig in unterschiedlichen Formen und Farben in allen politischen und gesellschaftlichen Lagern. So richtete sich z.B. -ohne eine grundsätzliche Gleichsetzung vornehmen zu wollen- der Antisemitismus der KPD auf die Beseitigung der jüdischen Ausbeuter, wogegen die NSDAP alle Jüdinnen und Juden physisch zu vernichten trachtete.

 

Vor diesem Hintergrund war der problemlose Übergang zur “klassenlosen Volksgemeinschaft” des Nationalsozialismus -die ja auf den Elementen deutscher Identität basierte- nur folgerichtig. Auch die Mehrheit des angeblich revolutionären Subjekts der ArbeiterInnenkaste wählte die NSDAP. Die “klassenlose Volksgemeinschaft” begann, sich in Prozessen des “Identitybuilding”, die mit dem Boykott jüdischer Geschäfte und der sog. “Nürnberger Gesetze” eingeleitet wurden, sich ihrer kollektiven Identität zu versichern. Sie gipfelte im Prisma der Shoah.

 

Die vielbeschworene “Stunde Null” der Deutschen nach der militärischen Niederlage 1945 kann nur als Mythos aufgefasst werden, der den Deutschen zur Negierung der eigenen Täterschaft dient(e). Der “Neuanfang” war geprägt von Kontinuitäten, was nicht verwundert, da das TäterInnenkollektiv physisch fortbestand. Unter dem unmittelbaren Zwang der Befreier änderte sich nicht die Geisteshaltung, es kam lediglich zu einer Veränderung der Form der Meinungsäußerung. Es fehlte lediglich an der Möglichkeit der Ausformulierung deutscher Identität. Das führte zu einer Transformation der Identität für die nachfolgende(n) Generation(en). Die Elemente deutscher Identität veränderten nur ihr Äußeres - sie verschwanden nicht.

 

Auch die 68er-”Bewegung”, die mit dem Anspruch, das Handeln der Eltern- bzw. TäterInnen-Generation in Frage zu stellen antrat, war in der deutschen Identität verwurzelt. Der positive Bezug auf einen organischen Volksbegriff, der sich nicht nur in der Solidarität mit “unterdrückten Völkern”, sondern auch in der Ablehnung bürgerlicher Staaten zeigte. Es dauerte nicht lange, bis in den Vereinigten Staaten -die als Besatzer, nicht als Befreier rezipiert wurden- der ideologische Hauptfeind erkannt war. Auch die Glorifizierung des deutschen Arbeitsbegriffs, die sich in vielen der sog. K-Gruppen fortsetzte, ist als Element deutscher Identität zu verstehen. Sekundärer Antisemitismus in der Form des Konstrukts “Antizionismus” war in der Bewegung ebenfalls weit verbreitet und lässt sich nicht auf die Solidarität mit dem angeblich unterdrückten “Volk” der Palästinenser reduzieren, sondern bezog sich auch damals auf die Negierung deutscher Kollektivschuld. Die Sichtweise, dass für eine revolutionäre Perspektive ein Wegfall des Schuldkomplexes vonnöten sei, ist die Verlängerung dieser Gedankengänge.

 

Mit dem Ende der DDR und der Aufgabe von Besatzungsrechten durch die Befreier wurde der Zwang der erneuten Ausformulierung deutscher Identität in möglichst aufgeklärter Form aktuell - galt es doch das Misstrauen europäischer Nachbarn wie auch der Gier der Deutschen nach einem Gesamt-Deutschsein jenseits ihrer Kollektivschuld zu bedienen. Die Renaissance transformierter deutschen Identität war nur folgerichtig.

 

Die Ablehnung bürgerlicher Staaten z.B. im Antiamerikanismus der sog. Friedensbewegung und autoritär-völkische Weltbilder sind - diversen, auch bürgerlichen Studien entnehmbar- in einer breiten Masse verbreitet und reichen auch in weite Teile der Linken.

 

Sekundärer Antisemitismus in Deutschland existiert nicht trotz, sondern wegen der Shoah. Das berühmte Zitat von Zvi Rex “Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen” bezieht sich auf diesen Aspekt. Das Einzige, was einer offenen Ausformulierung deutscher Identität noch entgegensteht, ist die historische Kollektivschuld. Die Diskreditierung der Politik Israels z.B. durch Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus und der Versuch, ein -nicht-existentes- jüdisches Volk zum TäterInnenkollektiv zu stilisieren, dienen einzig der Relativierung deutscher Schuld. Mit dem Verschwinden der Opfer, die als einzige nach wie vor auf die TäterInnen zeigen, soll auch das TäterInnenkollektiv verschwinden. Es soll in der absolut geläuterten, schuldfreien deutschen Gesellschaft aufgehen, die dann zwar etwas geschichtslos, dafür aber ohne Ballast an ihrern identitären Komplexen laborieren darf.

 

Auch Völkischer Antikapitalismus von rechts bis links bedient antisemitische Ressentiments, wenn z.B. das von den Nationalsozialisten entlehnte Konstrukt des schaffenden und raffenden Kapitals verwendet bzw. impliziert wird oder das Geschehen auf Finanzmärkten verschwörungstheoretisch aufgeladen wird.

 

Der Hauptfeind eines sich ernstnehmenden Antifaschismus ist und bleibt Deutschland! Der Angriff auf das fortbestehende TäterInnenkollektiv mit dem Ziel der endgültigen Demontage ist die Vorraussetzung einer weiteren Emanzipation. Eine Loslösung der Deutschen von den konstitutiven Elementen ihrer kollektiven Identität käme einer Loslösung vom Deutschsein gleich.

 

Konstrukten wie Volk und Nation ist eine klare Absage zu erteilen. Das bedeutet, auch linksvölkische Positionen anzugreifen und aus dem antifaschistischen Grundkonsens auszuschließen. Hierunter fallen vor allem jene Positionen, die einen positiven Bezug auf einen organischen Volksbegriff herstellen.

 

Wir sind uns der Dialektik des bürgerlichen Staates bewußt. Nichtsdestotrotz setzen die bürgerlichen Staaten emanzipatorische Mindeststandards, hinter die eine Linke niemals zurückfallen darf. Es gilt im Zweifelsfall, den bürgerlichen Staat gegen all jene, die den Rückfall in die Barbarei anstreben zu verteidigen, da nur dieser die Basis für eine weitere Emanzipation darzustellen vermag.

 

Schlussendlich kann die Überwindung der herrschenden Verhältnisse nur auf die größtmögliche individuelle Freiheit aller Menschen abzielen.

 

Für den Kommunismus!

 

marlene hates germany, November 2008

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