Wir haben uns dazu entschlossen, diesen Tag noch einmal gründlich zu betrachten, weil es unserer Meinung nach einige Punkte gibt, an denen sich gut erkennen lässt, warum der Tag für die (autonome) antifaschistische Linke weit hinter den Erwartungen zurück geblieben ist. Dieser Text soll als solidarische Kritik verstanden werden. Wir erheben keinesfalls den Anspruch, die berühmte Weisheit mit den noch viel berühmteren Löffeln gefressen zu haben. Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass wir Teile der Kritik, die wir in diesem Text äußern, auch an uns selbst richten.
Die Mobilisierung in Lübeck
Es gab im Vorfeld des 29.3. neben den typischen Aktivitäten wie diversen Infoveranstaltungen in Norddeutschland und Plakaten einige (kreative) Aktionen. Hervorzuheben ist hier die fast geglückte Blockade der Nazimahnwache zwei Wochen vor dem Aufmarsch in der Lübecker Innenstadt, zu der die Nazis nur intern mobilisierten. Trotzdem konnten innerhalb kürzester Zeit mehr als dreihundert AntifaschistInnen mobilisiert werden, die die Fußgängerzone an ihren beiden Hauptzugängen erfolgreich blockierten. Die Nazis blieben dadurch weitgehend unter sich. Die Bullen, die mit einem massiven Aufgebot inkl. BFE vor Ort waren, schützten die Nazis mit brutalen Knüppeleinsätzen und Pfefferspray. Eine weitere Aktion war ein sogenannter „Flashmob“, der wenige Tage vor dem 29.3. inmitten der Lübecker Innenstadt stattfand. Etwa 40 jugendliche AntifaschistInnen erläuterten den PassantInnen mittels dieser unangemeldeten Aktion das Blockadekonzept, welches am 29.3. zum Einsatz kommen sollte. Darüberhinaus gab es schon im Vorfeld eine gute Zusammenarbeit mit den AnwohnerInnen aus dem Stadtteil St. Lorenz Süd. Diesen Stadtteil hatten sich die Nazis gemeinsam mit der Lübecker Versammlungsbehörde ausgesucht. Bei mehreren AnwohnerInnenversammlungen wurden die Menschen über den Naziaufmarsch wie auch über den zu erwartenden Ablauf des 29.3. aufgeklärt. Viele AnwohnerInnen zogen dann an dem Tag die Konsequenz, gegen den Aufmarsch mit vielfältigen Mitteln zu protestieren. Insgesamt konnte man also einigermaßen zuversichtlich in Richtung 29.3. blicken.
Die Mobilisierung in Hamburg
In Hamburg fanden im Vorfeld gleich zwei Infoveranstaltungen statt, die zusammengenommen relativ gut besucht waren. Insgesamt reichten diese quantitativ aber nicht an die der Vorjahre heran, was unserer Meinung nach v.a. daran gelegen haben mag, dass für die Infoveranstaltung in der Flora kaum mobilisiert wurde. Auch wurden beide Veranstaltungen nicht dazu genutzt (auch von uns nicht), ein Konzept für die Anreise aus Hamburg zu erarbeiten, vorzustellen und zu diskutieren. Dieser Fakt stellt für uns den größten Fehler in der Mobilisierung in Hamburg dar, denn seit einiger Zeit erfreuen sich die gemeinsamen Anreisen aus HH zu (antifaschistischen) Demonstrationen durchaus größerer Beliebtheit: Im letzten Jahr sind allein nach Lübeck schätzungsweise an die 400 Leute gefahren. Mit so vielen Leuten lässt sich gut was auf die Beine stellen. Außerdem gab es im Jahr 2007 ein einigermaßen erfolgreiches Konzept, den Nazis, die aus oder über Hamburg nach Lübeck fahren wollten, die Anreise erheblich zu erschweren. Insbesondere wegen der positiven Erfahrungen mit diesem Konzept fragen wir uns, warum dieses Konzept nicht (den Gegebenheiten angepasst) wiederholt wurde. Möglich wäre dies durchaus gewesen, da sich bereits im Vorfeld abzeichnete, dass wieder viele Leute nach Lübeck fahren würden. Es gab auch kein Konzept für das Verhalten bei der Ankunft im Lübecker Bahnhof, stattdessen haben wir uns von den Bullen im Wanderkessel zur angemeldeten Kundgebung zwingen lassen. Auch hätte, zumindest was die Anreise betrifft, eine Zusammenarbeit mit Gruppen aus anderen Städten erfolgen müssen (z.B. mit Antifas aus Kiel und dem nördlichen Schleswig-Holstein). Um es auf den Punkt zu bringen: Wir haben die Möglichkeiten, die wir an diesem Tag hatten, bei weitem nicht ausgenutzt!
Der Tag in Lübeck
Aufgrund des nicht vorhandenen Hamburger Konzepts hielten sich die meisten (Hamburger) Antifas am Kundgebungsort des Bündnisses „Wir können sie stoppen“
vor dem Lübecker Holstentor auf. Wir halten den Ort der Kundgebung für
sehr ungünstig, was sich letztlich an diesem Tag auch gezeigt hat. Von
dort aus kommt man nur über 3 Brücken in den Stadtteil, da die Trave
die Wallhalbinsel von St. Lorenz Süd trennt. Es war so für die Bullen
äußerst einfach, den Weg vom Kundgebungsort in den Stadtteil
dichtzumachen. Diese Tatsache war VertreterInnen des Bündnisses
bekannt. Um die Blockaden zu durchbrechen, oder wenigstens zu umgehen,
wurde auf das Block G8 Konzept in Heiligendamm zurückgegriffen. Mit
Hilfe der „5 Finger-Taktik“ (in Lübeck kamen nur drei „Finger“ mit
jeweils mehreren hundert Menschen zum Einsatz) wollte man nach St.
Lorenz Süd gelangen. Wir bezweifeln allerdings, ob in Lübeck ernsthaft
an den Erfolg einer solchen Taktik geglaubt wurde. Jede/r, der/die auch
nur ein bisschen Erfahrung mit Durchbrüchen durch Polizeiketten hat,
wird sich im Klaren über die Schwierigkeiten sein, fünf-reihige
Bullenketten samt Hamburger Gittern, quer gestellten Wannen und
Wasserwerfern zu durchbrechen. Noch dazu, wenn diese auf Brücken
postiert sind und man keine Möglichkeit hat, um diese Ketten
herumzukommen. Letztendlich sehen wir dieses Konzept an diesem Tag als
komplett gescheitert an. An keinem der drei Punkte, an deren die
Bullenketten irgendwie überwunden werden sollten, hat dies auch nur
ansatzweise geklappt. Nicht nur wir stellen uns die Frage, warum keine
zweite Kundgebung direkt im Stadtteil, oder zumindest auf der anderen
Seite der Trave angemeldet wurde. Warum hat das BAAN
nicht auf der angemeldeten Demo im Viertel beharrt (Klagen)? So hätte
auch eine reelle Chance bestanden, zum Naziaufmarsch zu gelangen. Wir
vermuten, dass dies von einigen Gruppen innerhalb des Bündnisses nicht
gewollt war, um stattdessen den symbolträchtigen Ort (Holstentorplatz)
zu „besetzen“. In den Jahren zuvor galt dies auch für uns als ein
wichtiges Ziel, da dies ein strategisch günstiger Punkt ist, um zu
verhindern, dass die Nazis in die Lübecker Innenstadt kommen. 2006
gelang das immerhin, 2007 verlief der Aufmarsch für die Nazis in
keinster Weise zufriedenstellend, so dass die Nazis sehr dankbar für
die (von der Lübecker Versammlungsbehörde) angebotene Alternativroute
waren und diese auch gerne annahmen. Auch dies zeichnete sich bereits
im Vorfeld des 29.3. ab. Spätestens hier hätte sich das Bündnis
Alternativen überlegen müssen, ohne den Platz vor dem Holstentor
aufzugeben. Die Tatsache, dass die Nazis aufgrund des
antifaschistischen Widerstands die Innenstadt aufgaben, ist für uns nur
ein Teilerfolg. Oberstes Ziel muss weiterhin sein, diesen und andere
Naziaufmärsche möglichst zu verhindern. Das Kleingruppen-“Konzept“,
welches vom BAAN für diesen Tag als Option ins Spiel gebracht wurde,
stellt für uns eher eine Phrase, als ein tatsächliches Konzept dar
(nach dem Motto: „Das wird schon irgendwie hinhauen“). Das genaue
Gegenteil ist eingetreten. Die Chance, den Nazis kräftig die Suppe zu
versalzen, wurde an diesem Tag verschenkt.
Ein weiterer Kritikpunkt ist für uns das Verhalten einiger Personen und
Gruppen im Bündnis. Um es gleich vorweg zu sagen: Wir sind zu solchen
Anlässen wie dem Naziaufmarsch in Lübeck grundsätzlich für eine
Zusammenarbeit mit Gruppen außerhalb des Autonomen/Linksradikalen
Spektrums. Diese Zusammenarbeit wird aber spätestens dann fraglich,
wenn die Basis eines Bündnisses- die Loyalität der Bündnispartner
zueinander- gar nicht vorhanden ist. So fanden wir es zum Beispiel
unerträglich, uns am Holstentorplatz die Rede eines Kirchenvertreters
anhören zu müssen, in der u.a. den Bullen dafür gedankt wurde, „dass
sie diese Kundgebung ermöglichen“. Zynischer weise hatten die Bullen
erst eine halbe Stunde zuvor einige Antifas auf dem Weg zur Kundgebung
noch grundlos zusammengeknüppelt. Ganz zu schweigen von dem
Hintergrund, was zwei Wochen zuvor bei der Nazimahnwache passiert war
und im späteren Tagesverlauf an diesem 29.3. geschehen sollte.
Die „Krönung“ dieser Farce folgte in einem morgens aufgenommenen
Fernsehinterview (NDR): Der Lübecker Propst machte sich darin an erster
Stelle mehr Sorgen um vermeintliche linke Krawallmacher an diesem Tag.
Den bevorstehenden Naziaufmarsch erwähnte er lediglich nachrangig. Als
Teil der radikalen Linken ist uns die Tatsache, wie man mit solchen
Leuten oder Institutionen selbst in anlass bezogenen Bündnissen
überhaupt koalieren kann, unverständlich! Die Unterscheidung des
Kundgebungsveranstalters zwischen vermeintlich „guten“ Bullen (die
Schleswig Holsteiner, bzw. Lübecker) und den „bösen“ Bullen (die
Berliner) halten wir für mehr als naiv und anbiedernd. Fakt war und
ist, dass die Bullen gemäß ihrer Funktion den Nazis immer und überall
reibungslose Aufmärsche versuchen zu ermöglichen, während sie an
anderer Stelle AntifaschistInnen verletzen und/oder festnehmen. Das
waren und sind keinesfalls nur olivgrüne BFE´s aus Berlin.
Nichtsdestotrotz…
… muss festgehalten werden, dass die Nazis mit ihrem Ziel, einen Aufmarsch durch die Lübecker Innenstadt durchzuführen, vorerst gescheitert sind. Allein diese Tatsache hat für einigen Unmut unter den Nazis gesorgt. Sie konnten auch nicht, anders als befürchtet, mehr TeilnehmerInnen als 2007 (ca. 350 Nazis) mobilisieren. Und auch wenn die meisten der ca. 2000 AntifaschistInnen nicht einmal nach St. Lorenz Süd gelangten: Völlig ungestört konnten die Nazis nicht marschieren. Neben vielfältigen (lauten) Aktionen der AnwohnerInnen im Stadtteil und einiger weniger Antifas schaffte es eine Sitzblockade von jungen Antifas und einigen Bürgern, die Nazis längere Zeit aufzuhalten. Den Nazis ist trotz aller Widrigkeiten klar gemacht worden, dass sie dort unerwünscht sind. Was wir ausdrücklich begrüßen ist, dass die Bullengewalt an diesem Tag nicht widerstandslos hingenommen wurde und sich teils militant gegen Übergriffe seitens der Bullen gewehrt wurde. Und ob die Hamburger Gitter wieder vom Grund der Trave geborgen werden können, bleibt dahingestellt. Auch die vom BAAN organisierte Antirepressionsdemo in Lübeck am darauffolgenden Tag, an der über hundert Menschen aus dem autonomen Antifaspektrum teilnahmen, schaffte es, die Bullengewalt vom 29.3. in der (Lübecker) Öffentlichkeit zum Thema zu machen. Es gab mehrere Medienberichte über die Demo und ihren Anlass. Gut ist auch, dass auf der Kundgebung am 29.3. vom Lauti aus dazu aufgefordert wurde, dokumentierte Bullengewalt den DemoveranstalterInnen zur Verfügung zu stellen. Wir sind sehr gespannt, zu welchen Ergebnissen dies letztendlich führen wird.
Wir kommen wieder – keine Frage…
Auch im Frühjahr 2009 wollen Nazis um den Lübecker Jörn Lemke wieder einen „Gedenkmarsch“ durchführen. Und natürlich soll dieser Aufmarsch möglichst verhindert werden. Dabei ist es von Vorteil, wenn sich viele Menschen möglichst kreativ und entschlossen den Nazis in den Weg stellen. Jetzt in Verdrossenheit zu verfallen und zu sagen „Was soll ich in Lübeck, da geht sowieso nix“, bringt uns nicht weiter. Ferner sollten wir uns als reisefreudige AntifaschistInnen überlegen, wie wir uns in die Vorbereitung der Aktionen gegen Naziaufmärsche in Lübeck und anderswo einbringen können.
WIR SEHEN UNS AM 1. MAI IN HAMBURG!
Autonome Linke [ALi], Hamburg im April 2008





